Neophyten in Vorarlberg
Die Pflanzenwelt ändert sich
Die Ausbreitung „exotischer Arten“ ist ein weltweites Phänomen. Auch in Österreich gelten inzwischen 27 Prozent der wild wachsenden Pflanzen als Neubürger - als sogenannte Neophyten (Essl & Rabitsch 2002).
Als Neophyten werden jene Pflanzen bezeichnet, die nach dem Jahr 1492 zu uns gelangt sind. 1492 deshalb, weil nach der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus der weltweite Warentransport und damit auch der gewollte oder ungewollte Austausch von Arten ständig zunahmen.
Interessant ist, dass Pflanzen aus der alten Welt in der neuen Welt erfolgreicher sind als umgekehrt. Seit dem Jahr 1500 haben sich in Nordamerika 150 europäische Arten etabliert, während in Europa nur etwa 90 nordamerikanische Arten Fuß fassen konnten (Müller 2005).
Die meisten Neophyten treten nur sporadisch auf. Einige sind sogar echte Raritäten: Der Gezähnte Leindotter (Camelina alyssum) - ein Ackerwildkraut von der Balkanhalbinsel und aus Vorderasien - wurde von Josef Murr ehemals auf Leinäckern in Bregenz-Mehrerau beobachtet. Nach 1920 wurde diese Art in Österreich nicht mehr nachgewiesen und um 1950 ist sie in freier Natur ausgestorben.
Neue Arten als Problempflanzen
Als Faustregel gilt, dass von tausend neuen Pflanzen nur eine in ihrer neuen Heimat zur Problempflanze wird.
Problematisch sind jene Neophyten, die sich ohne weiteres Zutun des Menschen selbstständig ausbreiten. Es sind die sogenannten Invasiven, die in naturnahe Lebensräume vordringen und seltene Pflanzen verdrängen können. Dadurch ergibt sich auch ein erhöhter Pflegeaufwand, was wiederum Kosten verursacht. Neben den ökologisch problematischen Arten sind manche Invasive zudem gesundheitlich bedenklich.
In Vorarlberg ist das Phänomen der Neophyten schon lange bekannt: Der Japanknöterich wurde von Josef Murr 1908 beim Aufstieg auf die Schattenburg in Feldkirch entdeckt; Johann Schwimmer weist bereits in den 1940er Jahren auf „unerwünschte Gäste in der heimischen Pflanzenwelt“.
Regelmäßig tauchen neue Arten auf: So hat sich die nordamerikanische Beifuß-Ambrosie, auch als Ragweed (Ambrosia artemisiifolia) bezeichnet, in Vorarlberg inzwischen etabliert. Ragweed-Pollen können starke Allergien auslösen.
Die Haarästige Hirse (Panicum capillare) stammt ebenfalls aus Nordamerika und hat sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Österreich angesiedelt. Inzwischen ist die Art sehr weit verbreitet und lokal häufig. Seit wenigen Jahren kommt dieses Süßgras nicht nur auf Ruderalflächen und an Straßenrändern vor, sondern auch großflächig in ausgetrockneten Streuwiesen und verdrängt hier die ursprüngliche Vegetation.
1983 wurde das südafrikanische Schmalblättrige Greiskraut (Senecio inaequidens) erstmals für Österreich dokumentiert (Polatschek 1984). Lokal ist dieses giftige Greiskraut inzwischen auch in Vorarlberg häufig – vor allem an Straßenrändern und Bahnlinien.
2011 wurde schließlich erstmals ein Vorkommen der Samtpappel (Abutilon theophrasti) der inatura gemeldet. Kurz darauf gelang bereits ein zweiter Nachweis. Es bleibt abzuwarten, ob sich dieser Neophyt auch in Vorarlberg etablieren wird.
Empfehlungen für den Umgang mit Neophyten
Die Ausbreitung von Neophyten ist nicht in jedem Fall problematisch; so sind manche für Bienen willkommene Nahrungsquellen in ansonsten „ausgeräumten“ und artenarmen Landschaften. Auf jeden Fall sind Neophyten inzwischen Teil unserer Pflanzenwelt und werden es auch bleiben, denn ihre vollständige Verdrängung ist unrealistisch. Möglicherweise werden manche Pflanzen, die heute noch als Neophyten gelten, in Zukunft als Bereicherung unserer Pflanzenwelt betrachtet – vergleichbar vielen „Archaeophyten“, die bereits vor 1492 zu uns gelangt sind. Bei problematischen Arten ist natürlich eine gezielte Bestandsregulierung wichtig, um die negativen Auswirkungen zu minimieren. Dies gilt gleichermaßen für Problemneophyten wie auch für problematische heimische Pflanzen, zB manche Greiskräuter.
Empfehlungen für den Umgang mit invasiven Neophyten (Poster, 3.313 kb)
Neophyten an Fließgewässern (Broschüre, 647 kb)
Quellen:
Essl, F. & W. Rabitsch (2002): Neobiota in Österreich. Umweltbundesamt, Wien, 432 S.
Kowarik, I. (2003): Biologische Invasionen - Neophyten und Neozoen im Mitteleuropa, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 380 S.
Müller, N. (2005): Biologischer Imperialismus - zum Erfolg von Neophyten in Großstädten der alten und neuen Welt. Artenschutzreport 18:49-63.
Murr, J. (1923-1926): Neue Übersicht über die Farn- und Blütenpflanzen von Vorarlberg und Liechtenstein mit Hervorhebung der geobotanischen Verhältnisse und mit Berücksichtigung der Nachbargebiete, Heft 1-3, Sonderschriften herausgegeben von der naturwissenschaftlichen Kommission des Vorarlberger Landesmuseums, Bregenz, 507 S.
Schwimmer, J. (1946): Unerwünschte Gäste der heimischen Pflanzenwelt. In: Montfort 1(9/12): 227-230
Polatschek, A. (1984): Senecio inaequidens DC. neu für Österreich und Spanien. In: Verh. Zool.-Bot. Ges. Österreich 122: 93-95.
